Gewässer- und Naturlehrpfad Quakenbrück

  

·        Stationen des Gewässer- und Naturlehrpfades  (    = Standort)      

(Ausschnitt aus TK 3313 Quakenbrück; rot = bebaute Flächen, grün = Grünland, braun = Acker, gelb = Wald, blau = Gewässer)

 

Wie sah es in der Haseniederung bei Quakenbrück vor 20000 Jahren aus?  Wie sah es vor 2000 und vor 200 Jahren aus?  Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, wie seine Vorfahren vor fünf, vor zehn oder vor hundert Generationen gelebt haben. Über das Leben der Eltern und Großeltern wissen wir meistens recht gut bescheid, aber bereits bei den Urgroßeltern und Ururgroßeltern beginnen die Wissenslücken.  Nur bruchstückhaft sind die Überlieferungen.  Einige Schriftstücke gibt es vielleicht oder auch alte Fotos und Karten.  Je weiter wir zurückgehen, umso lückenhafter werden die Quellen, umso schwieriger die Rekonstruktion der Lebens- und Umweltbedingungen unserer Vorfahren.  Für die Haseaue im Bereich Quakenbrück möchte der Gewässer- und Naturlehrpfad des Heimat- und Verkehrsvereins Quakenbrück einen Überblick über die Natur- und Siedlungsgeschichte des Zeitraumes nach der letzten Eiszeit geben.  Das Text- und Bildmaterial erstellten Schülerinnen des Artland-Gymnasiums Quakenbrück unter der Leitung von Rolf Wellinghorst.

Die Haseaue um 1840

 

Haseaue bei Quakenbrück und Teile der Bauernschaft Lechterke um 1840 (Gaußsche Landesaufnahme; rot = bebaute Flächen, grün = Grünland, braun = Acker, gelb Wald, blau = Gewässer,     = Standort)

 

Um 1840 sind die Grundstrukturen des historisch gewachsenen Landschaftsbildes noch gut zu erkennen.  Die Kernsiedlung von Lechterke entstand etwa einen Kilometer vom natürlichen Haseverlauf entfernt auf einer Anhöhe.  Die Nähe zum Wasser war für die ersten Siedler ein wesentlicher Gesichtspunkt bei der Auswahl ihrer Siedlungsplätze.  Um die Höfe herum zieht sich ein Gürtel von alten Äckern; es sind die großenteils schon vor über 1000 Jahren begründeten Eschböden. Die tiefergelegenen Flächen in Nähe der Hase wurden bis zur Markenteilung vor etwa 200 Jahren von allen Siedlern gemeinschaftlich zur Viehweide, zur Holzgewinnung und zum Plaggenstich genutzt.  Hier kam es daher immer wieder zu Auseinandersetzungen um die Nutzungsrechte, so beispielsweise im September 1788 in der Wohld-Mark unweit der einige hundert Meter südöstlich von hier über die Hase führenden Behrmanns Brücke.  Die Flächen entlang der Hase blieben auch nach der Privatisierung bis in die letzten Jahrzehnte hinein Grünland und wurden teilweise als Rieselwiesen genutzt.

Unsere Naturlandschaft - von der Tundra zum Laubwald

 

Nacheiszeit in Quakenbrück

(aus Wellinghorst: Von der Eiszeit bis zum Jahr 2000. - Friedrich Verlag)

 

Wie entwickelte sich unsere Landschaft nach der letzten Eiszeit und wie sähe sie heute aus, wenn es keine seßhaften Menschen im Artland gäbe? 15000 Jahre v. Chr. lagen die mittleren Jahrestemperaturen in Quakenbrück etwa 10 Grad unter den heutigen, d.h. knapp unter Null Grad Celsius.  Eine baumlose Tundra vergleichbar der derzeitigen Vegetation im nördlichen Skandinavien prägte das Bild der Landschaft.  Um 10000 bis 8000 v. Chr. näherten sich die Temperaturen den aktuellen Mittelwerten von etwa +8 bis +9 Grad.  Die Weichsel-Eiszeit ging zu Ende und lichte Kiefern- und Birkenwälder mit grasreicher Krautschicht prägten das Landschaftsbild.  Langsam kamen Hasel und andere Laubgehölze hinzu und um 5000 v. Chr. hatte sich die Landschaft zu einem artenreichen Eichenmischwald mit hohem Anteil an Ulmen, Linden und Eschen gewandelt.  In den folgenden Jahrtausenden kamen als landschaftsprägende Gehölze noch Rotbuche und Hainbuche hinzu, während die Ulme an Bedeutung verlor.  Um Christi Geburt prägten Buchen-Eichenwälder, Erlenbruchwälder und Auenwälder das Quakenbrücker Gebiet.  In dieser Naturlandschaft begegneten uns außerdem die stehenden und fließenden Gewässer sowie Hochmoore wie das Hahnenmoor.

Feuchtgebiete verschwinden - Rote Listen kommen

 

Die Wulfenauer Mark vor 100 Jahren

(Preußische Landesaufnahme, rot = bebaute Flächen, grün = Grünland, braun = Acker, gelb = Wald, blau = Gewässer)

 

Wandern wir von unserem Standort durch das Feriendorf in Richtung Osten, so erreichen wir nach wenigen Kilometern das im Kartenausschnitt abgebildete Gebiet der Wulfenauer Mark.  Vor zweihundert Jahren waren die Wulfenauer Häuser von diesem Standort noch zu sehen.  Grünland, Äcker und intensive Landwirtschaft kennzeichnen heute Wulfenau.  Betrachten wir denselben Bereich vor etwa 100 Jahren, so sehen wir eine Heidelandschaft mit über 50 Tümpeln und Weihern auf nur wenigen Quadratkilometern.  Sie bedeckten etwa 10 Prozent der Gesamtfläche.  Die Gewässer gehörten zur Gruppe der nährstoffarmen Lobelien-Heideweiher.  Eine artenreiche Lebensgemeinschaft mit heute teilweise ausgestorbenen Feuchtgebietsbewohnern lebte damals in diesem Gebiet unweit Quakenbrücks.  Wie in vielen anderen Regionen wurden hier im Rahmen der Technisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft in nur wenigen Jahrzehnten die Lebensbedingungen für heimische Wildtiere durch Melioration und Nutzungsänderung dramatisch verschlechtert.  In manchen Tier- und Pflanzengruppen stehen heute weit über 50 Prozent der Arten auf der Roten Liste.

Wallhecken - natürliche Zäune

 

 

Schemazeichnung eine Walls für eine Wallhecke (verändert nach Müller: Wallhecken. - BSH-Verlag)

 

Wir stehen auf einer der für unser Gebiet typischen Wallhecken.  Über Jahrhunderte lief das Vieh der Bauern den größten Teil des Jahres frei in den Gemeinen Marken, den Grenzländereien zwischen den Bauernschaften.  Damit die Tiere nicht die kostbaren Kulturpflanzen auf den Äckern abfraßen, wurden diese durch natürliche Zäune, die Hecken, geschützt.  Während man heute Zäune mit Pfählen und Draht errichtet, warf man in vergangenen Jahrhunderten um die zu schützende Fläche zunächst einen Graben aus.  Der Aushub wurde zu einem Wall aufgeworfen und anschließend wurde dieser mit teilweise bedornten Gehölzen bepflanzt.  Es entwickelte sich so ein für die Tiere undurchdringliches Geflecht.  Bei vielen Ackerstücken deutet der Flurname noch heute auf die inzwischen fast überall verschwundenen Hecken hin.  So leitet sich die Flurstücksbezeichnung Hagen vom altdeutschen hag = Hecke ab.  Auch mit der Privatisierung der Gemeinen Marken vor etwa 200 Jahren entstanden viele neue Hecken, die die nun im Privateigentum der Bauern befindlichen Flächen voneinander trennten.

 

Blick auf Quakenbrück vor 200 Jahren

 

 

 

Blick auf Quakenbrück vor 200 Jahren

 

Wer vor 200 Jahren aus einigen Kilometern Abstand auf die Türme der Quakenbrücker Kirchen blickte, konnte sie unbehindert betrachten.  Im Vergleich zu heute gab es kaum Bäume.  Die intensive Nutzung der Grenzländereien zu den Nachbarbauernschaften, der sogenannten Marken, hatte den Waldanteil im Osnabrücker Nordland auf 2 Prozent sinken lassen.  Heute haben wir einen Waldanteil von etwa 20 Prozent.  Insbesondere die Waldweide, der Holzeinschlag zur Brenn- und Bauholzgewinnung sowie der Plaggenstich zur Düngung der Äcker hatten den Niedergang der Wälder in unserer Region verursacht.  Folge dieses schlechten Zustandes war die Markenteilung vor ca. 200 Jahren, die die Privatisierung der bis dahin im Allgemeinbesitz befindlichen Flächen bezweckte.  Da nur die Hofbesitzer Eigentum aus den Marken erhielten und die Heuerlinge fortan keine Nutzungsrechte mehr hatten, verschlechterte sich deren ohnehin schon schwierige Lage ein weiteres Mal.  Dies führte ab etwa 1830 zu einer enormen Auswanderungswelle der Heuerleute aus unserer Region nach Amerika.

 

 

 

 

Der Weißstorch - Charaktervogel der Haseniederung

 

Weißstorch bei der Nahrungssuche

 

Mit der Besiedlung unseres Raumes und der Wandlung der Haseaue von der Auenwald- zur Grünlandlebensgemeinschaft wanderte der Weißstorch von Osten in unser Gebiet ein.  Der weiße Vogel mit den schwarzen Schwungfedern und dem roten Schnabel wurde zum engen Begleiter des Menschen.  Seine Nester baute er häufig auf ihren Hausdächern.  Der Weißstorch wurde so über Jahrhunderte zu einem Charaktervogel in der Haseniederung.  Als Zugvogel erschien er meist Ende März bis Anfang April und blieb dann bis zum August.  Im Winter zog er in seine Quartiere nach Afrika.  Noch vor hundert Jahren gab es zahlreiche Storchenhorste im Umfeld Quakenbrücks, so in Groß Mimmelage, Klein Mimmelage, Wasserhausen, Borg, Wierup, Schandorf, Hahlen, Renslage, Winkum, Wulften, Langen, Grothe, Lechterke und Wohld.  In der Folgezeit ging der Bestand zunächst geringfügig, ab den 60er Jahren dieses Jahrhunderts dann dramatisch zurück.  Die Trockenlegung der Hasewiesen sowie deren intensivere Nutzung waren wichtige Ursachen.  Im Altkreis Bersenbrück reduzierte sich der Bestand von 60 bis 100 Tieren auf unter zehn Störche.  Das letzte bis in die 90er Jahre beflogene Storchennest des Quakenbrücker Raumes befand sich einige hundert Meter südlich von hier auf einem Bauernhaus in Wohld.  Das Nest entfernte man 1994, da es nicht mehr angeflogen wurde.

Furten - Wege durch den Hasefluß

 

 

Naturnaher Fluss - eine flache Stelle der Hase war als Furt geeignet

 

Überqueren wir heute die Hase, tun wir dies über Brücken.  In vergangenen Zeiten war das jedoch nicht der Normalfall.  Einfache Sandwege und Fußpfade verbanden die Siedlungen. Üblicherweise durchquerte man die Gewässer dabei ohne besondere Hilfsmittel.  Da die Ufer der Hase vor der Eindeichung flach zu den Seiten anstiegen, der Gewässerboden einen festen Sandboden besaß und die Gewässertiefe zumindestens zeitweise gering war, ergaben sich hierbei in der Regel kaum Probleme.  Mit Pferdefuhrwerken konnte man zumeist problemlos durch das Wasser hindurchfahren.  Lediglich für Fußgänger gab es hier und dort schmale Holzbrücken, die Staken.  Die Fahrwege durch einen Bach oder Fluß hießen Furten.  In alten Karten sind sie noch eingezeichnet.  Höfe in der Nähe dieser Furten hießen im Mittelalter oft "zum Vorde".  In den letzten Jahrhunderten änderte sich dieser Name in der Regel in den heute geläufigen Familiennamen "Vortmann".  Auch Flurstücksbezeichnungen weisen auf ehemalige Furten hin, so der Name Ritforts Esch auf eine Furt in der Nähe der bereits im 13.  Jahrhundert erbauten Behmanns Brücke.

 

 

Markenkämpfe - Die Schlacht des Bauern Hilge

 

Ackerwagen mit Plaggen - Festwagen 1100 Jahre Anten

 

Die gemeinschaftliche Nutzung der Marken führte im Mittelalter zunehmend zu Auseinandersetzungen zwischen den Bauern der verschiedenen Gemeinden. Im folgenden wird eine der vielen Streitigkeiten vorgestellt:

An einem nicht näher bezeichneten Tage im September 1788 kam es in der Quakenbrücker Wohld-Mark unweit der etwa 500 Meter südöstlich von hier gelegenen Behrmanns Brücke zu einem folgenschweren Zwischenfall.  Der Bauer Johann Hilge aus Lechterke hatte zusammen mit seinem Bruder und einem Heuermann in der Wohld-Mark Plaggen gestochen und war eben im Begriff, mit seinem Ackerwagen nach Hause zu fahren, als ein kleiner Trupp Quakenbrücker Einwohner auf die Lechterker zueilte.  Angeführt von Wallmeister, Deich- und Uferaufseher Johann Georg Burlage, der als erster die Plaggenmahd beobachtet hatte, eilte eine kleine Schar, darunter die Pförtner Gerd Bruns und Johann Heinrich Vette zu dem Gefährt.  Bruns legte die Hand auf die Zügel und sagte: "Ich pfände im Namen von Burgmannen und Rat zu Quakenbrück!" Der Lechterker Bauer schien nicht geneigt, wenn auch nur vorläufig auf Pferd und Wagen zu verzichten, sprang vom Wagen, ergriff seine Mistforke und ging in Verteidigungsposition, während oben auf dem Wagen der Heuermann das Plaggenreißmesser, die Seggede, schwang und der jüngere Bruder des Bauern in voller Fahrt nach Lechterke jagte um Hilfe zu holen.  Was dann geschah, führte zu einem der vielen Markenprozesse jener Zeit, und liest sich in den Worten des Anwalts von Bauer Hilge wie folgt:

"Kaum waren die Pferde nach vollgeladenem Wagen wieder vorgespannt und im Begriff damit nach Haue zu fahren, als der - vielleicht betrunkene als Unmensch sich bezeigte Heinrich Vette zu Quakenbrück sich erfrechte, zu besagtem Johann Wilhelm Hilgen sich zu nähern ... (und) mit einem Zuberbaume ähnlichen Knüttel dergestalt auf den Kopf zu hauen, daß selbiger dadurch nicht nur ein großes Loch in demselben erhalten, sondern auch entsetzlich daraus geblutet habe, somit betäubt zur Erde gefallen.  Nicht genug war es jenem Unmenschen diese Trat zu begehen, sondern er erfrechte sich zugleich auch, dem ohne Sinne ganz betäubt zu Boden gelegenen Hilgen, dessen Huth nicht nur, sondern auch dessen Forke zu rauben, folgends darauf in voller Flucht nach Quakenbrück zu rennen."

Hasesee - Feriensee – Umgehungsstraße

 

 

 

Schwimmbagger im Feriensee (ca. 1973)

 

Die wesentlichsten Veränderungen hat das Umfeld des Natur- und Gewässerlehrpfades in den letzten Jahrzehnten durch den Bau der Umgehungsstraße erfahren.  Mit zunehmendem Verkehrsaufkommen auf der B 68 wurde die Belastung der Quakenbrücker Innenstadt durch den Durchgangsverkehr unzumutbar.  Die Hohe Pforte stellte ein besonders schwerwiegendes Hindernis für die Fahrzeuge dar und so beschloß man den Bau einer Umgehungsstraße.  Um im Niederungsgebiet der Haseaue einen stabilen Untergrund zu bekommen, entschied man sich für die Aufschüttung einer Trasse.  Den erforderlichen Sand holte man zu Beginn der 70er Jahre mit Spülbaggern aus dem näheren Umfeld der Straße.  So entstanden der kleinere Hase- oder Deichsee und der größere vor uns liegende und bis zu 18 Meter tiefe Feriensee.  Beide Gewässer haben sich inzwischen zu interessanten Lebensräumen entwickelt.  Sie dienen außerdem der Erholung, dem Angelsport sowie als Untersuchungsgebiete für Schüler des Artland-Gymnasiums und anderer Schulen.

Die Hase - auch heute noch Lebensraum vieler Tiere

 

 

 

Gewässerboden der Hase während der Trockenlegung im Jahre 1981

 

Die Hase in Quakenbrück ist auch heute noch ein wertvoller Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten.  Welchen Reichtum an Tierarten man findet, wurde im April 1981 besonders deutlich.  Zwecks Entschlammung der Quakenbrücker Hasearme legte man die Hase trocken, worauf Hunderttausende von Tieren nach dem Ablassen des Wassers zunächst in Pfützen auf dem Gewässerboden zurückblieben und schließlich nach dem Austrocknen dieser Wasserlachen verendeten.  Auf zwei bis drei Quadratmetern fand man damals mehrere tausend Kleinfische, darunter auch gefährdete Arten wie Bachschmerle und Steinbeißer.  Hinzu kamen Milliarden wirbelloser Tiere wie Libellenlarven, Bachflohkrebse, Muscheln und Schnecken.  Auf einem Quadratmeter fand man u.a. bis zu einhundert der geschützten Teich- und Flußmuscheln, die vielfach 10 Jahre und älter waren.  Inzwischen dürften die Schäden von damals weitgehend behoben sein, so dass sich bei einem Blick unter die Wasseroberfläche wieder eine ähnliche Lebensgemeinschaft zeigen würde wie vor der Entschlammung.

Der letzte Stör - Schleusen versperren Wanderfischen den Weg

 

 

Festwagen zur 750-Jahr-Feier Quakenbrück

 

Der Stör gehörte in vergangenen Jahrhunderten zu den häufigen Fischarten in der Nordsee.  Zur Laichzeit von April bis Juli zogen die 2 bis 4 Meter langen erwachsenen Tiere die Flüsse hinauf um über festem Grund und über Kiesbänken ihre 750000 bis 2500000 Eier (Verarbeitung zu Kaviar) in das strömende Wasser abzulegen.  Die schwarzen, kaulquappenähnlichen Larven schlüpften nach drei bis sechs Tagen, wanderten jedoch erst nach ein bis zwei Jahren mit 40 bis 60 Zentimeter Länge zurück ins Meer.  In der Hase bei Quakenbrück wurden Störe wie auch Lachse und andere Wanderfische früher regelmäßig gefangen.  Besonders hier am Überfall hielten sich viele Tiere auf.  Mit dem Einbau von Schleusen und Stauanlagen in die Hase, die dem Mühlenbetrieb und der gezielten Überflutung der Rieselwiesen dienten, wurde der Aufstieg der Wanderfische stark behindert wenn nicht gar unmöglich gemacht.  Die letzten Störe fing man am Quakenbrücker Überfall vor etwa einhundert Jahren.  Das schwerste hier gefangene Exemplar wog 195 Pfund.  Lachse wurden zwischen 1870 und 1880 noch zu Hunderten gefangen.  Ihr Gewicht betrug bis etwa 30 Pfund.  Ende des 19.  Jahrhunderts nahm ihre Bestandsdichte stark ab und schließlich verschwand auch der Lachs Anfang dieses Jahrhunderts ganz.

Waldweide, Holzeinschlag, Plaggenstich - Das Ende der Marken

 

 

Waldweide - heute verboten

 

Die Grenzländereien zwischen den Bauernschaften, die Gemeinen Marken (marka = Grenzland), waren bis ins 19.  Jahrhundert im Allgemeinbesitz.  Hier weidete das Vieh, hier holte man Brenn- und Bauholz und hier stach man die Plaggen zur Düngung der Äcker.  Diese Nutzungen trugen jedoch alle zur Vernichtung des Waldbestandes bei.  Die Wirkung des Viehverbisses für die nachwachsenden Gehölze läßt sich gut in jeder Neuaufforstung beobachten, wenn man sie nicht vor dem Verbiß durch Wildtiere schützt.  Auch das ständige Abstechen der oberen Bodenschicht zur Gewinnung von Plaggen trug dazu bei, dass junge Bäume nicht erwachsen wurden und einen Hochwald bilden konnten.  Schließlich erntete man regelmäßig Brennholz für die Beheizung der Wohnungen sowie Bauholz; für den Bau eines großen Artländer Bauernhauses benötigte man im 18.  Jahrhundert zwischen 50 und 100 alte Eichen.  Die meisten Marken wurden in der ersten Hälfte des 19.  Jahrhunderts im Rahmen der Markenteilungen in Privatbesitz überführt.

 

 

Überschwemmungen in der Haseaue - Vom Segen zum Problem

 

 

Überschwemmung der Haseaue im Jahre 1981

 

Überschwemmungen gehörten im Quakenbrücker Raum bis vor wenigen Jahrzehnten zum normalen Landschaftsbild.  Regelmäßig trat die Hase in regenreichen Zeiten über die Ufer und überschwemmte die angrenzenden Flächen.  Die Bewohner wußten dies zu ihrem Vorteil zu nutzen.  Im Mittelalter boten die Überschwemmungen für die auf kleinen Anhöhen liegenden Behausungen einen guten Schutz vor raubenden und plündernden Horden.  Des weiteren lieferten sie kostenlos einen bis ins letzte Jahrhundert extrem wertvollen Dünger.  Das feine, nährstoffreiche Sediment der Hase gelangte durch die Überflutungen auf die landwirtschaftlichen Nutzflächen und lagerte sich hier ab.  Gleichzeitig ergab sich eine natürliche Reinigung des Gewässerbettes, die heute durch kostspielige Pflegemaßnahmen erfolgen muß.  Nach Eindeichung der Hase legten die Bauern künstliche Bewässerungssysteme, die Rieselwiesen an um auch weiterhin den Dünger der Hase auf ihre Flächen zu bekommen.  In den letzten Jahrzehnten wurde Dünger jedoch vom begehrten Rohstoff zum im Überfluß vorhandenen Problemstoff und jede Überflutung landwirtschaftlicher Flächen wurde dadurch zum Nachteil für den Bauern, so dass man u.a. durch wasserwirtschaftliche Maßnahmen versuchte, sie zu vermeiden.. Die letzten größeren Überflutungen in der Haseaue fanden vor Inbetriebnahme des Alfsees im Jahre 1981 statt.

Erbkotten, Markkotten und Heuerling - Das Land wird knapp

 

 

Heuerhaus

 

Um die Mitte des 13.  Jahrhunderts setzte in unserer Region die Erbkottensiedlung ein.  Das zum Ackerbau gut geeignete Land war zu dieser Zeit großenteils aufgebraucht, so dass immer wieder Bauern einem Sohn, der nicht Hoferbe werden konnte, ein Stück von ihrer Hoffläche abtrennten und vererbten (Kotten von to cut = abschneiden).  Diese Möglichkeit, weiteren Kindern eine eigene Existenz zu verschaffen, hatte jedoch bald seine Grenzen erreicht, so dass die Altbauern in der nächsten Siedlungsstufe im 15. und 16.  Jahrhundert aus der Gemeinen Mark kleine Ackerstücke abtrennten und diese abgehenden Kindern zur Eigenbewirtschaftung überließen.  Entstand so eine neue Hofstelle, nannte man diese Markkotten.  Wurde die aus der Mark abgetrennte Fläche hingegen einem bestehenden Hof zugeschlagen, nannte man das Flurstück Zuschlag.  Mit der immer dichter werdenden Besiedlung im 17. und 18.  Jahrhundert waren die landwirtschaftlich nutzbaren Landreserven endgültig erschöpft, und die Bauern bauten kleine sogenannte Heuerhäuser in der Nähe ihrer Hofgebäude, die sie an abgehende Kinder oder an Fremde verpachteten (verheuerten)

Vollerbe und Halberbe - Wohlstand für Jahrhunderte

 

 

 

Vollerbe Meyer zu Bergfeld

 

 

 

In der Zeit um 800 n. Chr. entstanden viele der alten und bis heute historisch nachweisbaren Bauernhöfe unserer Region, die Vollerben.  In Lechterke gehören vier der einige hundert Meter vor uns in Nähe der Bundesstraße 68 liegenden Bauernhöfe zu diesen am Hohen Esch beteiligten Altbauern.  Etwa 1000 Meter südlich der Lechterker Kernsiedlung liegt an der B 68 ein weiterer alter Hof, der Vollerbe Meyer zu Bergfeld, heute Brunswinkel.  Die Bezeichnung Vollerbe geht auf die Tatsache zurück, dass ein Bauernhof früher die umfangreichsten (vollen) Nutzungsrechte in der Gemeinen Mark hatte.  Die in der Folgezeit bis etwa 1200 n. Chr. entstandnen Höfe waren Halberben, d.h. es handelte sich um Bauern, die im Vergleich zu den Vollerben geringere (halbe) Nutzungsrechte in den Marken besaßen.  Die Halberben bekamen vielfach keine Rechte mehr an den gemeinschaftlich genutzten Eschböden, sondern bewirtschafteten kleinere nur von ihrer Familie genutzte Äcker.  Diese im Vergleich zu den Eschböden etwas jüngeren Ackerstücke werden oft als Horst, Kamp oder Hagen bezeichnet.

Erste Siedlungen - Inseln im Waldland

 

 

Inselartige Siedlung vor etwa 4000 Jahren

(aus Wellinghorst: Von der Eiszeit bis zum Jahr 2000. - Friedrich Verlag)

 

In den ersten nacheiszeitlichen Jahrtausenden durchstreiften Menschen nur als Sammler und Jäger den Quakenbrücker Raum. 3000 bis 4000 Jahre v. Chr. wurden erste Menschen entlang der Hase und in der Endmoräne der Ankum-Bippener Berge seßhaft.  Die Großstein- oder Hünengräber, wie sie sich in großer Zahl in den Ankum-Bippener Bergen finden, sind Hinweise auf diese Siedler.  Wann genau sie erstmals im Bereich Quakenbrück Häuser bauten und Felder bestellten, sich also als Ackerbauern und Viehzüchter niederließen, wissen wir nicht.  Vermutlich liegt dies schon 4000 und mehr Jahre zurück.  Auch aus Lechterke sind Funde aus vorgeschichtlicher Zeit bekannt.  Inselartig rodeten die Siedler den Wald und legten nicht weit entfernt von der Hase kleine Felder an.  Ihre Häuser bauten sie aus den Materialien, die sie in der unmittelbaren Umgebung fanden.  Insbesondere waren dies Holz, Lehm und Schilf.  Ihre Rinder, Schafe, Schweine und Ziegen weideten in den fast unendlich erscheinenden Wäldern im Umfeld der Siedlung.  Immer wieder wurden auch Häuser und Siedlungen aufgegeben, so dass die ältesten heutigen Bauernschaften sich siedlungsgeschichtlich meistens nur bis in die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrtausends zurückverfolgen lassen.

 

 

 

 

Eschböden - die ältesten Äcker

 

 

Esch bei Badbergen

 

Blicken wir über die Flächen der Haseniederung in Richtung Westen, so liegt etwa 500 bis 1000 Meter entfernt von uns die Kernsiedlung der Bauernschaft Lechterke mit den zugehörigen Eschböden (ezzik = Saatland).  Urkundlich erwähnt wurde Lechterke erstmals 977, so dass die ältesten Vollerbenhöfe und die zugehörigen Äcker noch um einiges älter und somit der altsächsischen Siedlungsperiode vor 800 n. Chr. zuzuordnen sind.  Auch Quakenbrück entstand auf Flächen, die ursprünglich zu Lechterke gehörten.  Nachdem die Bauern jener Zeit den auf einer leichten Anhöhe gelegenen Wald gerodet hatten, um dort gemeinschaftlich Kulturpflanzen anzubauen, mußten sie diesen in lange, schmale Parzellen aufgeteilten Esch regelmäßig düngen.  Da die Haustiere den größten Teil des Jahres im Wald weideten, gab es wenig Mist; Mineraldünger war in jener Zeit ohnehin nicht vorhanden.  So stachen die Bauern in den Grenzländereien zwischen den Bauernschaften, also auch auf den direkt vor uns an der Hase liegenden Flächen zwischen Lechterke und Wohld die obere Bodenschicht ab und fuhren diese Grassoden (Plaggen) in die Viehställe und einige Monate später, angereichert mit Harn und Kot, auf die Äcker.  Jedes Jahr wuchs das Ackerstück daher etwa 1 Millimeter in die Höhe.  Heute ragen die ältesten Eschböden Lechterkes bis 1,30 Meter über das umgebende Gelände hinaus, was auf eine weit über 1000jährige Bewirtschaftung hinweist.

Die Haseaue um Christi Geburt - ein Waldland

 

 

 

Naturnaher Auenwald

 

 

Wie sah es in der Haseniederung bei Quakenbrück vor etwa 2000 Jahren aus?  Varus kämpfte 35 Kilometer südlich von hier mit mehr als drei Legionen gegen germanische Stammesverbände unter Leitung des Arminius und verlor, weil er das sumpfige Gelände am Nordrand des Wiehengebirges unterschätzte.  An unserem Standort in der Haseniederung war es damals kaum trockener.  Ein sumpfiger Eichenauenwald begleitete die Hase.  Viele Wochen im Jahr war das Land überflutet.  Stieleiche, Esche, Feldulme, Hainbuche sowie Hasel, Weißdorn und Brombeere gehörten zu den häufigen Gehölzarten.  Im Frühjahr bildeten Buschwindröschen, Siebenstern, Waldveilchen, Sauerklee und andere Frühblüher einen farbigen Teppich am Waldboden, bevor das Laubdach der Bäume sie ab Mai zurückdrängte.  Letzte stark veränderte Reste dieser Auenwälder finden wir heute beispielsweise in Form der stadtnahen Wälder Freude und Hemke in Bersenbrück.

 

 

Die Haseniederung - Vom Auenwald zum Maisacker

 

Entwicklung einer Flussaue

(nach Ellenberg: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. - Ulmer)

(gelb: Kies, braun: Auenlehm; hellgrün: Weidengebüsch bzw.  Trockenrasen; dunkelgrün: Laubwald bzw.  Feuchtwiesen; schwarz: Moor, blau: Wasser)

 

Die wesentlichen Veränderungen der Haseaue in den letzten Jahrtausenden zeigt die vorstehende Bildfolge.  Während die Naturlandschaft vor mehreren tausend Jahren in der Haseniederung einen reinen Auenwald trug, der regelmäßig überflutet wurde, entstanden durch die in Gewässernähe seßhaft gewordenen Menschen seit 2000 bis 3000 v. Chr. auch in unserem Gebiet immer wieder inselartige Lichtungen im Waldland.  Die höheren Flächen nutzte man für die Siedlungen und zum Ackerbau, die tiefergelegenen Gebiete wurden beweidet.  Um 1800 n. Chr. war der Wald fast völlig verschwunden und Feuchtwiesen mit einer artenreichen Tier- und Pflanzenweit prägten das Bild im Umfeld der Hase.  Auch diese Flächen wurden regelmäßig vom Hasewasser überflutet.  Selbst nach der Eindeichung der Hase überstaute man einige Flächen künstlich, um das nährstoffreiche Hasesediment als Dünger zu gewinnen.  Hierzu baute man ein System aus Be- und Entwässerungsgräben mit zugehörigen Schleusen und Staustufen.  Die so gefluteten Grünlandflächen hießen Rieselwiesen.  In den letzten Jahrzehnten verfiel dieses System und reine Entwässerung mit nachfolgender monotoner Ackernutzung kennzeichnen heute viele Flächen direkt an der Hase.